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06.07.2026 | Arbeitssicherheit & Brandschutz | ID: 1275045

Arbeitsschutz in interkulturellen Teams

FORUM Media (mha)

Sicherheit am Arbeitsplatz ist kein auf Technologien beschränktes Thema, sondern von der Kommunikationskultur abhängig. Wo unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, entstehen neue Dynamiken, die das Unfallrisiko positiv und negativ beeinflussen.

In einer globalisierten Wirtschaft stellt personelle Diversität und Multikulturalität eine gelebte Realität im Betrieb dar. Laut Statistik Austria hatte im Jahr 2024 bereits jeder vierte Erwerbstätige einen Migrationshintergrund. Sicherheit am Arbeitsplatz ist ein Produkt aus Kommunikation, Prägung und rechtlicher Rahmensetzung.

Der Begriff „Multikulturalität“ bezieht sich auf die Arbeitswelt, in der verschiedene kulturelle Identitäten innerhalb einer Organisation aufeinandertreffen. Dabei meint Multikulturalität auch die Anerkennung der Gleichwertigkeit kollektiver Gruppenwerte, mit dem Ziel, das Zusammenleben gerechter zu gestalten sowie die kulturelle Vielfalt zu schützen und zu bewahren. Im unternehmerischen Kontext konzentriert sich der Begriff der Multikulturalität auf drei Bereiche:

  • Die sprachliche Ebene als Vielfalt der Muttersprachen und Kompetenzgrade in der Arbeitssprache
  • Die kognitive Ebene in Form unterschiedlicher Wissensbestände über Technik, Normen und Gefahren
  • Die normative Ebene als einander sich widersprechende Vorstellungen von Hierarchie, Risiko und Autorität

Unternehmen sind dazu verpflichtet, Benachteiligungen aus Gründen der ethnischen Herkunft zu verhindern. Gleichzeitig fordert das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG), dass Gefahren an ihrer Quelle zu bekämpfen sind, und der Stand der Technik, Arbeitsmedizin und Hygiene dafür zu berücksichtigen ist, um die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Unfalles zu minimieren.

Welche Auswirkungen auf die Arbeitssicherheit hat Multikulturalität im Team?

Ausländische Arbeitnehmende sind häufiger in Branchen mit hohen Unfallrisiken (Baugewerbe, Reinigung, Logistik) tätig. Studien haben gezeigt, dass diese zu Arbeitsbeginn gesünder sind, jedoch im Laufe der Zeit statistisch häufiger als ihre einheimischen Kollegen verunfallen. Dieses Phänomen ist als Healthy Immigrant Effect bekannt.

Diese Auswirkung von Diversität und Multikulturalität auf die Sicherheit stammen von einer Verschiebung der Risikowahrnehmung. So verzeichnen multikulturelle Teams eine höhere Fehlertoleranz und eine ausgeprägtere Beobachtungsgabe, da sie die Zeichen und Signale genauer zu interpretieren wissen und sich damit Missverständnisse und mögliche Gefahrenpunkte vermeiden lassen.

Neue Herausforderungen durch Multikulturalität im Team

Sicherheitsbeauftragte sind mit der Sprachbarriere als offensichtliche Hürde, der kulturell bedingten Risikowahrnehmung, unterschiedlicher Hierarchieverständnisse sowie mit nonverbalen Fehlinterpretationen laufend konfrontiert. Zudem werden Sicherheitsunterweisungen oft in komplexem Fachdeutsch gehalten. Wenn ein Mitarbeiter zwar „Ja“ nickt, um keine Schwäche zu zeigen, aber die Funktion des Not-Aus-Schalters nicht verstanden hat, besteht latente Lebensgefahr.

Strategische Lösungen für den Arbeitsschutz in interkulturellen Teams

Um die genannten Herausforderungen zu bewältigen, müssen Unternehmen vom „Gießkannen-Prinzip“ zu einer zielgruppenspezifischen Prävention übergehen. So sollten Sicherheits- und Gesundheitsschutzunterweisungen didaktisch erweitert werden, indem diese mit Kurzvideos, Bilderserien oder Storytelling visualisiert werden. Der Einsatz von geschulten internen Dolmetschern, die nicht nur übersetzen, sondern auch kulturelle Kontexte erklären können, tragen ebenfalls zu einer solchen didaktischen Erweiterung bei.

Ein Buddy-System nutzt den sozialen Rahmen, indem erfahrene Mitarbeiter gleicher kultureller Herkunft als Sicherheits-Mentoren fungieren. Dies baut die Hemmschwelle ab, Fragen zu stellen, und nutzt den sozialen Einfluss innerhalb der Kulturgruppe positiv zugunsten der Prävention aus.

Des Weiteren können Gefährdungsbeurteilungen um den Faktor „menschliche Fehlhandlung durch Kommunikationsdefizite“ erweitert werden. Dies fördert die Interkulturalität von Arbeitsanweisungen deutlich. Didaktische Checkfragen wie „Ist die Arbeitsanweisung so gestaltet, dass sie auch bei geringen Sprachkenntnissen sicher ausgeführt werden kann?“ unterstützen das Unterweisungsgespräch, das auch Lösungen anbieten soll. Eine solche Lösung kann die Einführung von „Check-Back“-Verfahren darstellen, bei denen der Mitarbeiter die Anweisung mit eigenen Worten oder durch Vormachen bestätigt.

Darüber hinaus ist die psychologische Sicherheit bei interkulturellen Teams zu fördern. Nach dem Konzept der Harvardprofessorin Amy Edmondson gilt psychologische Sicherheit als essenzieller Faktor für einen sicheren Arbeitsplatz. Mitarbeiter müssen das Gefühl erhalten, Fehler oder Unklarheiten melden zu dürfen, ohne sanktioniert zu werden. In multikulturellen Teams muss die Führungskraft aktiv vorleben, dass Sicherheit Vorrang vor Hierarchie hat.

Weiters sind Meister, Poliere und Schichtleiter im Erkennen von Unverständnis, dem Schaffen psychologischer Sicherheit und dem Vermeiden von Angst und Druck auf Mitarbeitende sowie in den kulturellen Besonderheiten der täglichen Sicherheitsansprache zu schulen.

Fazit

Ein moderner Arbeitsschutz in interkulturellen diversen Teams erfordert in den Köpfen von Führungskräften und Unternehmensleitungen einen Wechsel bei Sicherheitsfragen von der Bringschuld („Wir haben das Handbuch ausgehändigt“) zur Holschuld („Wir stellen sicher, dass es gelebt wird“).

Die Lösung liegt in einer inklusiven Sicherheitskultur, die Sprache als Werkzeug und Kultur als Kontext begreift. Durch die Kombination aus visueller Kommunikation, didaktischer Erweiterung der Unterweisungen, dem Einsatz von Multiplikatoren (Buddys) und einer fehlerfreundlichen Führungskultur mit Schulungen der Führungskräfte wird Diversität von einem statistischen Risikofaktor zu einem Motor für eine moderne, menschenzentrierte Arbeitswelt weiterentwickelt.

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