Dauer der Arbeitszeit und Auswirkungen auf die Gesundheit
Zur Entwicklung und Verteilung der wöchentlichen Normalarbeitszeit und Folgen psychischer Beanspruchung in Österreich
Der Überblick der Arbeitsbedingungen in Österreich (2014) zeigt, dass die wöchentliche Normalarbeitszeit seit 2004 kontinuierlich rückläufig ist. Für Vollzeit betrug sie 2011 44 Stunden gegenüber 44,7 Stunden im Jahre 2004, für Teilzeit reduzierte sich die wöchentliche Arbeitszeit im Vergleichszeitraum von 21,7 Stunden 2004 auf 20,9 Stunden 2011. • [Fußnote: Vgl Eichmann & Saupe, 2014.] Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über die Entwicklung der Dauer der durchschnittlichen Arbeitszeit in Österreich 2004–2015:
| 2004 | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009 | 2010 | 2011 | 2015i |
Österreich insgesamt | 39,8 | 39,5 | 39,3 | 39,1 | 38,6 | 38,2 | 37,9 | 37,9 | 35,9 |
Vollzeit | 44,7 | 44,7 | 44,7 | 44,7 | 44,4 | 44,1 | 44,0 | 44,0 | |
Teilzeit | 21,7 | 21,3 | 21,2 | 20,9 | 21,0 | 21,1 | 21,0 | 20,9 | |
Männer insgesamt | 43,9 | 43,8 | 43,7 | 43,4 | 42,8 | 42,5 | 42,2 | 42,2 | 39,8 |
Männer Vollzeit | 45,4 | 45,5 | 45,5 | 45,4 | 45,1 | 44,8 | 44,6 | 44,6 | |
Männer Teilzeit | 21,1 | 20,6 | 20,6 | 19,8 | 19,7 | 20,3 | 19,8 | 19,5 | |
Frauen insgesamt | 34,4 | 34,2 | 33,9 | 33,7 | 33,5 | 33,1 | 32,8 | 32,8 | 31,6 |
Frauen Vollzeit | 43,4 | 43,1 | 43,2 | 43,2 | 42,9 | 42,6 | 42,6 | 42,6 | |
Frauen Teilzeit | 21,8 | 21,4 | 21,3 | 21,2 | 21,3 | 21,3 | 21,3 | 21,2 |
Quelle: Überblick über Arbeitsbedingungen in Österreich. Follow-up-Studie, 2014 ergänzt: Bock-Schappelwein et al, 2017)
Der beträchtliche Unterschied in der durchschnittlichen Wochenerwerbsarbeitszeit für 2015 (Männer 39,8 und Frauen 31,6 Stunden) geht primär darauf zurück, dass fast die Hälfte der Frauen (49,4 %) teilzeitbeschäftigt ist und viele Männer Überstunden leisten. • [Fußnote: Vgl Bock-Schappelwein et al, 2017, S 7.]
Bei den Männern dominieren Vollzeitjobs, 9 von 10 Männern arbeiten mehr als 35 Stunden pro Woche, mehr als ein Viertel davon verzeichnete überlange Arbeitszeiten: 25,2 % zwischen 41 und 59 Stunden pro Woche (im Durchschnitt 46,5 Stunden) und 3,0 % mindestens 60 Stunden pro Woche. Für 28,2 % der unselbstständig beschäftigten Männer stellen überlange Arbeitszeiten demnach die Regel dar. • [Fußnote: Vgl Bock-Schappelwein et al, 2017.]
Die Daten aus dem Bericht der Arbeitsbedingungen in Österreich (2014) zeigen, dass selbst unter den psychisch wenig Belasteten ein hoher Anteil von Muskelverspannung und Kreuzschmerzen oder Erschöpfung berichtet, der Anteil jedoch stark steigt, wenn eine kontinuierliche psychische Belastung vorhanden ist. • [Fußnote: Vgl Eichmann & Saupe, 2014.]
Die nachfolgende Tabelle zeigt die Folgen psychischer Beanspruchung, 2011/2012, in Prozent:

Quelle: Arbeitsgesundheitsmonitor, IFES zit nach Eichmann & Saupe, 2014
Die Biffl-Studie • [Fußnote: Vgl Biffl et al, 2012.] zeigt, dass 95 % der erwerbstätigen Männer und 83 % der Frauen von Stress, Depressionen und Angstzuständen betroffen sind, bei gleichzeitigem Auftreten von arbeitsbedingten psychischen Belastungen am Arbeitsplatz.
Bei Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates lag die Quote bei 52 % (Frauen) bzw 58 % (Männer). Lag eine Herzerkrankung vor, berichteten 86 % der Frauen und 71 % der Männer gleichzeitig von psychischen Belastungsfaktoren. Auch Kreislauferkrankungen und Kopfschmerzen hängen eng mit psychischen Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz zusammen. Generell steigt die Wahrscheinlichkeit einer physischen oder psychischen Erkrankung um etwa die Hälfte, wenn psychische Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz vorliegen. • [Fußnote: Daten zitiert aus: Glaser, J. & Molnar, M. 2016.]
Auswirkungen der Dauer der Arbeitszeit auf die Gesundheit
Die Dauer der Arbeitszeit bestimmt in erster Linie die Expositionszeit des/der Beschäftigten bezüglich der Belastung. Ziel der Begrenzung der maximalen Arbeitsdauer ist es, die Beanspruchung des/der Beschäftigten zeitlich so zu begrenzen, dass damit eine Erholung und Rückführung des Systems auf den Ausgangswert ermöglicht und so ein Aufschaukeln verhindert wird (für die Erholung der Beanspruchung steht ausreichend beschäftigungsfreie Zeit zur Verfügung). Der Hintergrund dafür ist die Forderung nach ausführbarer Arbeit, • [Fußnote: Vgl Hacker & Richter, 1984.] welche nicht nur über einen Tag hinweg, sondern prinzipiell über das gesamte Arbeitsleben möglich sein sollte. • [Fußnote: Vgl Wirtz, 2010.]
Der Zusammenhang von langen Arbeitszeiten, psychischer Belastung und gesundheitlichen Beschwerden bzw Beeinträchtigungen wird von der Arbeitswissenschaft seit Längerem beschrieben und als nachgewiesen bestätigt.
Kritische Ausprägungen sind in jedem Fall gegeben, wenn über einen längeren Zeitraum die Arbeitszeit überschritten wird, wie etwa mehr als 10 Stunden pro Tag oder mehr als 48 Stunden pro Woche. So berichtet Wirtz (2010) in ihren Analysen, dass es einen gesundheitsbeeinträchtigenden Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und der allgemeinen Gesundheit (zB Herz- und Atembeschwerden, Allergien, Verletzungen) gibt. Hohe Belastungsintensitäten sind beanspruchender, wenn diese für eine lange Zeit ohne Pause ausgeübt werden müssen. Da hohe körperliche und/oder psychische Arbeitsanforderungen das Risiko gesundheitlicher Beeinträchtigungen schon von sich aus erhöhen, führen diese insbesondere bei langen und/oder in der Lage versetzten Arbeitszeiten zu einer weiteren Erhöhung des Beeinträchtigungsrisikos.
Muskel-Skelett-Beschwerden und psycho-vegetative Beschwerden
Ebenso nehmen Muskel-Skelett-Beschwerden (zB Beschwerden in den Extremitäten, Rückenschmerzen, Schmerzen im Nacken-Schulter-Bereich) und psycho-vegetative Beschwerden (zB Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Kopfschmerzen, ständige Müdigkeit) mit steigender Wochenarbeitszeit deutlich und statistisch signifikant zu, insbesondere ab Wochenarbeitszeiten über 40 Stunden, berichten Nachreiner et al (2005) in ihren Untersuchungen. Auch Wirtz (2010) kann nahezu lineare Zusammenhänge zwischen der wöchentlichen Arbeitszeit und dem Ausmaß von psycho-vegetativen Beschwerden bestätigen, ebenso deutliche und konsistente Zusammenhänge zwischen Arbeitsdauer und Muskel-Skelett-Beschwerden.
Kardiovaskuläre Erkrankungen
Überlange Arbeitszeiten, oft auch gekoppelt mit fehlenden Arbeitspausen, können auch ein Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen und physiologische Veränderung (wie zB Blutdruck) sein. • [Fußnote: Vgl Hulst 2003 zit nach Richter et al, 2014.] So haben Personen mit überlangen Arbeitszeiten beispielsweise ein um 37 % erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, berichtet der Stressreport Deutschland 2012. • [Fußnote: Vgl Lohmann-Haislah, A. 2012.]
Virtanen et al (2012) konnten in ihrer Metaanalyse zeigen, dass eine wöchentliche Arbeitszeit von über 55 Stunden mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergeht. • [Fußnote: Zit nach Amlinger-Chatterjee, 2016.]
Unfallrisiken
Beschäftigte mit langen Arbeitszeiten ermüden stärker, sind weniger konzentriert und aufmerksam, damit verbunden steigt das Risiko für Unfälle. Zunehmende Ermüdung resultiert häufig aus langen wöchentlichen Arbeitszeiten über einen längeren Zeitraum hinweg, was zu einer Akkumulation von Ermüdung führt, die in der verbleibenden Ruhe- und Erholungszeit nicht mehr ausgeglichen werden kann. Ein relativ gut gesicherter Erkenntnisstand des Unfallrisikos in Abhängigkeit von der Arbeitszeit liegt nach Nachreiner et al (2005) vor: Nach der achten bzw neunten Arbeitsstunde steigt das Unfallrisiko exponentiell an.
Erholungsdefizit, gesundheitliche Beschwerden und Beanspruchungsfolgen
Mit der Dauer der Arbeitszeit ist zugleich festgelegt, wieviel restliche Zeit für die Erholung zur Verfügung steht und nimmt somit direkten Einfluss auf die Lage der Arbeitszeit sowie auch auf das Ausmaß der Ruhezeiten. Etwa können überlange Arbeitszeiten zu einem Mangel an Erholungsmöglichkeiten und zu einer Akkumulation von Ermüdung führen, die in der verbleibenden Ruhe- und Erholungszeit nicht mehr ausgeglichen werden kann.
Schlafstörungen infolge langer Arbeitszeiten scheinen durchaus plausibel, je länger die Arbeitszeit, desto kürzer die Schlafdauer. So berichten Nachreiner et al (2005) über eine Zunahme von Schlafstörungen bei steigenden Wochenarbeitszeiten.
Eine verkürzte Schlafdauer kann wiederum mit einem erhöhten Unfallrisiko sowie mit einem gesteigerten Risiko für verschiedene gesundheitliche Beeinträchtigungen zusammenhängen, wie etwa Übergewicht, eine Schwächung des Immunsystems oder kardiovaskuläre Erkrankungen.
Ungesunde Verhaltensweisen, wie etwa ein erhöhter Konsum von Genussmitteln (zB Alkohol oder Zigaretten), ein Mangel an Bewegung, ungesundes Ernährungsverhalten sind weitere Gefährdungspotenziale bei langen Arbeitszeiten.
In Japan kam der plötzliche Tod durch Überarbeitung derart häufig vor, dass er mit dem Begriff Karoshi bezeichnet wurde. Häufig gehen dem Karoshi, der idR durch einen Herzinfarkt oder Schlaganfall ausgelöst wird, viele Überstunden bzw lange Arbeitszeiten ohne Pause und weitere arbeitsbedingte Stressoren voraus. Lange Arbeitszeiten begünstigen folglich sowohl direkt als auch indirekt über ungesunde Verhaltensweisen das Eintreten des plötzlichen Herztodes. • [Fußnote: Vgl Wirtz, 2010.]
Der Arbeitszeitreport Deuschland 2016 (siehe folgende Grafik) zeigt, dass von Beschäftigten mit überlangen Arbeitszeiten signifikant häufiger körperliche Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit/Erschöpfung, Schlafstörungen sowie Rücken- und Kreuzschmerzen berichtet werden als von den übrigen Beschäftigten. Innerhalb der überlangen Vollzeit ist noch einmal ein starker Anstieg der körperlichen Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen sowie Rücken- und Kreuzschmerzen ab 60 Wochenstunden gegenüber denjenigen unter 60 Stunden zu beobachten. Am wenigsten Beschwerden werden von den Beschäftigten in kurzer Teilzeit berichtet. • [Fußnote: Vgl Wöhrmann et al, 2017.]

Quelle: Arbeitszeitenreport Deutschland 2016, BAuA
Dauer der Arbeitszeit in Kombination mit anderen Belastungsfaktoren der Arbeitsbedingungen und ihre Auswirkungen
Einen Zusammenhang zwischen tatsächlicher Arbeitszeit und psychischer Belastung zeigt folgende Tabelle (prozentuale Häufigkeit):
| 20–34 | 35–39 | 40–47 | 48 und mehr |
Starker Termin- und Leistungsdruck | 43 | 44 | 54 | 72 |
Arbeitsdurchführung detailliert vorgeschrieben | 25 | 31 | 27 | 23 |
Ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge | 56 | 54 | 46 | 43 |
Konfrontation mit neuen Aufgaben | 30 | 34 | 42 | 52 |
Verfahren verbessern, Neues ausprobieren | 20 | 24 | 28 | 37 |
Bei der Arbeit gestört, unterbrochen | 41 | 42 | 46 | 52 |
Stückzahl, Leistung, Zeit vorgegeben | 27 | 33 | 31 | 34 |
Nicht Erlerntes/Beherrschtes wird verlangt | 6 | 7 | 8 | 12 |
Verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen | 55 | 56 | 59 | 71 |
Kleine Fehler, große finanzielle Verluste | 9 | 16 | 18 | 24 |
Arbeiten an Grenze der Leistungsfähigkeit | 13 | 14 | 16 | 28 |
Sehr schnell arbeiten müssen | 37 | 37 | 38 | 47 |
(n = 17562) | ||||
Quelle: Stressreport Deutschland 2012, BAuA
Morschäuser et al (2014) weisen zudem darauf hin, dass im Sinne einer Expositionszeit in Bezug auf andere weitere Belastungsfaktoren aus der Arbeit die Dauer der Arbeitszeit eine wichtige Rolle spielt. Der Stressreport Deutschland 2012 • [Fußnote: Lohmann-Haislah, A. 2012.] zeigt eine Analyse des Einflusses der Dauer der Arbeitszeit auf die Nennung arbeitsbedingter psychischer Belastungsfaktoren einen deutlichen Zusammenhang. Bei 10 von 12 erfassten Belastungskriterien ist der Anteil der Beschäftigten mit 48 Stunden und mehr am höchsten. Am deutlichsten sind die Zunahmen der wahrgenommenen Belastung für „starken Termin- und Leistungsdruck“ (mit Zusammenhang zur Arbeitszeit) und „verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen“.
Handlungsmöglichkeiten/mögliche Gestaltungsansätze
- Lange Arbeitszeiten vermeiden
- Ausgleichszeiten vorsehen
- Lange Arbeitszeiten nach Möglichkeit nicht mit Nacht- oder Schichtarbeit kombinieren, da diese Arbeitszeitmodelle durch ihre Auswirkungen auf den „Biorhythmus“ bereits selbst belastend genug sind. Diese Effekte werden durch lange Arbeitszeiten noch deutlich verstärkt.
- Lange Arbeitszeiten nach Möglichkeit nicht mit finanziellen Anreizsystemen koppeln
- Anreizsystem für gesundheitsfördernde Arbeitszeitgestaltung setzen
- Ausreichend Ruhe- und Erholungszeiten vorsehen
- Bewusstsein für Ruhe- und Erholungszeit schaffen
- Arbeitswissenschaftliche Empfehlungen zur Pausengestaltung beachten
- Personalbedarf anpassen
- Aktuelles Wissen aus Chronobiologie und Neuroimmunologie berücksichtigen