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02.11.2026 | Gesundheit, Bildung & Soziales | ID: 1288315
In der Gewalt- und Suchtforschung ist der Zusammenhang zwischen dem Konsum von Sucht- und Rauschmitteln und Gewalt ein zentrales Thema. Auch in der Öffentlichkeit findet dieses Thema regen Anklang, wenn auch nicht immer ganz realitätskonform.
Die Schlussfolgerung, dass, wer Drogen konsumiert auch gewalttätig ist bzw wird, widerspricht wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vielmehr handelt es sich dabei, und dies zeigen mehrere Studien, um ein multifaktorielles Geschehen, in dem sowohl biologische als auch psychologische und soziale Faktoren zusammenspielen. • [Fußnote: May, Häusliche Gewalt und Sucht – Versorgungsangebote verknüpfen (2013)]
Dieser Beitrag will versuchen, hier aufklärend zur Seite zu stehen und auch mögliche Präventions- bzw Interventionsideen aufzuzeigen.
Die Idee, dass es sich bei Gewalt und Drogen um einen linearen Kausalzusammenhang handelt, muss als ein Missverständnis betrachtet werden. Tatsächlich zeigt die Forschung, dass nicht jede gewalttätige Handlung unter Einfluss von Substanzmitteln passiert und auch, dass nicht jede konsumierende Person gewalttätig ist/wird.
Es kann aber schon gesagt werden, dass Gewalt und Drogen in einem wechselseitigen Zusammenhang stehen, dies belegen auch mehrere Studien zu diesem Thema. • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.)] Gewalt, Abhängigkeit und Substanzmittelkonsum treten überdurchschnittlich häufig gemeinsam auf. Die DHS-Arbeitshilfe spricht in diesem Zusammenhang von einem „Henne-Ei“-Problem, • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.); May, Häusliche Gewalt und Sucht – Versorgungsangebote verknüpfen (2013)] da Sucht sowohl die Ursache als auch die Folge von Gewalt sein kann und oft nicht klar ist, was zuerst da war.
Betrachtet man Sucht als Risikofaktor für Gewalt, so kann gesagt werden, dass Sucht die Wahrscheinlichkeit gewalttätig zu reagieren erhöhen kann. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass Drogen zu einer veränderten Impulskontrolle führen können und es zu sozialen Zwängen und ökonomischen Konflikten kommen kann.
Auf der anderen Seite kann Gewalt als Risikofaktor für Sucht betrachtet werden. Insbesondere (früh)kindliche Gewalterfahrungen zählen zu den größten Risikofaktoren für spätere Suchterkrankungen.
So wissen wir, dass Kinder aus substanzbelasteten Familien ein deutlich höheres Risiko haben, selbst Gewalt zu erleben und diese auch auszuüben. Hier zeigt sich diese Wechselseitigkeit sehr klar. Die DHS-Arbeitshilfe zeigt beispielsweise auf, dass ein erheblicher Anteil an suchtkranken Menschen in ihrem Leben traumatische Erfahrungen (meist körperliche oder sexuelle Gewalt) gemachthaben. • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.)] Diese Erfahrungen können zu langfristigen psychischen Belastungen führen, insbesondere zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), die wiederum häufig mit Substanzkonsum verbunden sind. • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.)] Substanzen werden dabei oft zur Selbstmedikation genutzt, um belastende Emotionen wie Angst, Scham oder innere Unruhe zu regulieren.
Mögliche theoretische Erklärungen dafür liefert die Forschung anhand drei zentraler theoretischer Modelle:
Während ersteres davon ausgeht, dass Gewalt direkt durch die Wirkung psychoaktiver Substanzen auf Wahrnehmung, Emotion und Verhalten entsteht, geht das ökonomisch-kompulsive Modell davon aus, dass Gewalt aus der Beschaffungskriminalität heraus entsteht und der Finanzierung der Sucht dient. Das systemische Modell sieht Gewalt als Bestandteil sozialer Strukturen und hier im speziellen als Teil illegaler Drogenmärkte. • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.).; May, Häusliche Gewalt und Sucht – Versorgungsangebote verknüpfen (2013); Bundesministerium für Inneres (Hrsg.), INCB-Drogenbericht: Drogenmissbrauch und Gewalt (2004)]
Um den Zusammenhang zwischen Drogen und Gewalt sachlich analysieren und in weiterer Folge genau verstehen zu können, ist es notwendig, die Wirkungsweise psychoaktiver Substanzen im und auf das Gehirn zu betrachten. Die Wirkungsweise solcher Stoffe ist, dass sie biochemische Prozesse beeinflussen, und somit zu veränderten Wahrnehmungen, Emotionen und Verhalten führen. Wichtig ist hierbei jedoch, dass nicht nur die Substanz alleine essenziell für die Wirkung ist, sondern auch:
Hieraus lässt sich schließen – und dies ist von zentraler Bedeutung für diesen Kontext – dass eine Droge oder Substanz selbst nicht Gewalt verursacht, sondern ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren das Risiko, dass es zu Gewalt kommt, erhöhen kann.
Vor allem im Zusammenhang mit Alkohol lässt sich eine ausgeprägte Verbindung zu gewalttätigem Verhalten feststellen. Alkohol kann enthemmend wirken, Ängste reduzieren und Impulse verstärken, was dazu führt, dass Konflikte häufiger eskalieren und Situationen schneller als bedrohlich interpretiert werden. Zudem wird die Selbstkontrolle herabgesetzt und emotionale Reaktionen werden verstärkt wahrgenommen.
Studien weisen darauf hin, dass Alkohol nicht nur Hemmungen abbaut, sondern auch die emotionale Kontrolle einschränkt. Dies kann zur Folge haben, dass Konflikte intensiver werden und selbst neutrale Situationen als bedrohlich erscheinen. • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.)]
Auch andere Substanzen können das Gewaltpotenzial beeinflussen, wobei die Effekte stark vom Kontext abhängen. So sind etwa Kokain und Amphetamine dafür bekannt, Erregung, Selbstüberschätzung und Aggressivität zu verstärken, während Cannabis meist beruhigend wirkt, aber in manchen Fällen Ängste und Wahrnehmungsstörungen begünstigt. Opioide wirken grundsätzlich dämpfend, stehen aber indirekt im Zusammenhang mit Gewalt, beispielsweise durch Beschaffungskriminalität. Sedativa können gelegentlich paradoxerweise Aggressionenfördern. • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.)]
Festzuhalten ist, dass Drogen keine zwangsläufige Ursache für Gewalt sind, aber bestehende Aggressionspotenziale verstärken können. Von zentraler Bedeutung sind die neurobiologischen Mechanismen im Gehirn. Psychoaktive Substanzen beeinflussen insbesondere das Belohnungssystem, die Impulskontrolle und die Emotionsregulation – Funktionen, die wesentlich für das Verhalten und die Entstehung von Gewalt sind. • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.)]
Die Effekte von Drogen sind insgesamt vielschichtig und nicht linear; die konsumierte Menge allein ist wenig aussagekräftig. Vielmehr ist entscheidend, wie die Substanz im individuellen und sozialen Kontext wirkt und wie sie neurobiologische Prozesse beeinflusst.
Gewalt unter Substanzeinfluss ist ein Thema, das in empirischen Studien seit Jahren intensiv untersucht wird. Die Forschung zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Substanzkonsum und gewalttätigem Verhalten, wobei dieser Zusammenhang differenziert betrachtet werden muss.
Substanzen wirken nicht zwangsläufig als Auslöser für Gewalt, sondern erhöhen abhängig von Kontext und individuellen Faktoren die Wahrscheinlichkeit für aggressives Verhalten. Besonders deutlich wird dies am Beispiel von Alkohol und Drogen, die bei Gewaltdelikten häufig eine zentrale Rolle spielen. Laut der DHS-Arbeitshilfe wird mehr als jedes vierte aufgeklärte Gewaltdelikt unter Alkoholeinfluss begangen. Auch im medizinischen Kontext zeigt sich die Relevanz: In einer Untersuchung von Notaufnahmen standen 85,5 % der gewalttätigen Patientinnen und Patienten unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Substanzkonsum insbesondere in konflikthaften oder emotional aufgeladenen Situationen ein wesentlicher Risikofaktor für Gewalt ist. • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.)]
Aktuelle Daten aus Österreich unterstreichen diese Zusammenhänge: Der Bericht zur Drogensituation 2024 liefert wichtige Kontextinformationen und zeigt, dass problematischer Konsum weiterhin eine relevante gesellschaftliche Größe darstellt. Etwa 36.000 bis 39.000 Personen konsumieren risikoreich Opioide, meist in Kombination mit anderen Substanzen. Gerade dieser Mehrfachkonsum ist aus Gewaltperspektive besonders relevant, da verschiedene Substanzen unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Wirkungen haben, die Impulskontrolle zusätzlich beeinträchtigt wird und die psychische Stabilität sinkt. • [Fußnote: Busch/Anzenberger/Brotherhood/Klein/Priebe/Schmutterer/Schwarz, Bericht zur Drogensituation 2024. Ergebnisbericht (2024)]
Die gesundheitlichen und sozialen Folgen des Konsums sind gravierend. Im Jahr 2022 wurden 248 drogenbezogene Todesfälle registriert, was auf die hohe Risikobelastung in Konsumgruppen hinweist, die häufig auch mit sozialer Marginalisierung, psychischen Belastungen und erhöhter Gewaltbetroffenheit einhergeht. Zudem zeigen aktuelle Entwicklungen eine Zunahme komplexer Konsummuster, insbesondere bei Jugendlichen.
Berichte über steigenden Mehrfachkonsum – etwa Benzodiazepine, Alkohol, Kokain und Opioide – weisen darauf hin, dass solche Mischkonsumformen mit erhöhter Impulsivität, emotionaler Instabilität und eingeschränkter Risikowahrnehmung verbunden sind. Damit steigt auch das Risiko für aggressive oder gewalttätige Verhaltensweisen.
Im Kontext von Delinquenz und Risiko zeigt der Bericht eine enge Verbindung zwischen Substanzkonsum und strafrechtlich relevantem Verhalten. Im Jahr 2023 gab es 35.445 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz und 8.676 Anzeigen wegen Beeinträchtigung durch Suchtgift im Straßenverkehr. Zum Vergleich: 30.683 Anzeigen standen im Zusammenhang mit Alkohol im Straßenverkehr. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Alkohol weiterhin eine zentrale Rolle bei risikobehaftetem Verhalten spielt, aber auch illegale Drogen zunehmend relevant für sicherheitsrelevante Delikte werden. Auch wenn die Daten nicht ausschließlich Gewaltdelikte betreffen, zeigen sie deutlich, dass Substanzkonsum eng mit riskantem und normabweichendem Verhalten verbunden ist und somit einen zentralen Risikofaktor für Gewalt darstellt. • [Fußnote: Busch/Anzenberger/Brotherhood/Klein/Priebe/Schmutterer/Schwarz, Bericht zur Drogensituation 2024. Ergebnisbericht (2024)]
Soziale und strukturelle Zusammenhänge spielen im Kontext von Sucht und Gewalt eine zentrale Rolle. Besonders deutlich wird dies bei der so genannten Beschaffungskriminalität: Viele Betroffene geraten in einen Teufelskreis, in dem sie Straftaten begehen müssen, um ihre Sucht zu finanzieren. In diesem Kreislauf finden sie sich sowohl als Täter wie auch als Opfer von Gewalt wieder. • [Fußnote: Bundesministerium für Inneres (Hrsg.), INCB-Drogenbericht: Drogenmissbrauch und Gewalt (2004)]
Auch die Dynamik illegaler Drogenmärkte trägt maßgeblich zur Gewaltproblematik bei. Gewalt ist hier ein grundlegendes Mittel, um Gebiete zu kontrollieren, Machtpositionen durchzusetzen und potenzielle Konkurrenten abzuschrecken. Diese Mechanismen überschreiten individuelle Konflikte und wirken sich auf die gesamte Gesellschaft aus. So führen sie zu Unsicherheit, sozialer Instabilität und beeinträchtigen das öffentliche Leben.
Die Folgen drogenbedingter Gewalt sind vielschichtig. Sie belasten die sozialen Systeme, verursachen erhebliche wirtschaftliche Kosten und untergraben das Vertrauen in Institutionen. Vor allem Kommunen stehen vor der Herausforderung, umfassende Präventionsmaßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. • [Fußnote: Bundesministerium für Inneres (Hrsg.), INCB-Drogenbericht: Drogenmissbrauch und Gewalt (2004)]
Ein besonders bedeutsamer Aspekt ist die Täter-Opfer-Dynamik im Zusammenhang von Sucht und Gewalt. Die Grenze zwischen Täter und Opfer verschwimmt: Abhängige können nicht eindeutig einer Rolle zugeordnet werden. Häufig begehen sie selbst Straftaten, werden aber gleichzeitig überdurchschnittlich oft Opfer von Gewalt. Empirische Untersuchungen bestätigen, dass suchtkranke Menschen sowohl häufiger an Gewalt- und Eigentumsdelikten beteiligt sind als auch öfter Opfer von Übergriffen werden. Diese doppelte Betroffenheit stellt besondere Anforderungen an die Hilfesysteme. Es bedarf spezifischer, sensibler Unterstützungsangebote, die den komplexen Lebenssituationen der Betroffenen gerecht werden. • [Fußnote: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Sucht und Gewalt. Eine Arbeitshilfe für Fachkräfte und Freiwillige im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen mit Schwerpunkten auf Sucht(selbst)hilfe und Gewaltberatung (o. J.)]