12.1 Der Begriff „Institutionelle Gewalt“
Der Begriff institutionelle Gewalt hat sich im Zuge voranschreitender gesellschaftskritischer und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit dem Thema „Gewalt“ als strukturelles Problem seit den 1970er Jahren entwickelt. Der Begriff der strukturellen Gewalt wurde vom norwegischen Friedensforscher Johan Galtung in seinem Aufsatz „Violence, Peace, and Peace Research“ (1969) erstmals geprägt. Galtung definiert dabei strukturelle Gewalt als „den Zustand, in dem die tatsächliche Verwirklichung eines Menschen geringer ist als sein potenzielles Lebens- oder Entwicklungspotenzial. Die Gewalt ist in die Struktur eingebaut und zeigt sich in ungleicher Machtverteilung – und folglich in ungleichen Lebenschancen.“ • [Fußnote: Galtung, „Violence, Peace, and Peace Research“, 1969.] Das bedeutet: Gewalt ist nicht nur physisch oder direkt, sondern kann auch in gesellschaftlichen Bedingungen angelegt sein – etwa dann, wenn Menschen durch Armut, Diskriminierung oder Ausschluss daran gehindert werden, ihre Fähigkeiten zu entfalten und vollumfänglich zu partizipieren.