6.1.1 Strukturelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen
Strukturelle Gewalt – als eine Gewalt, die nicht von Einzel-Täter:innen, sondern von Strukturen ausgeht und damit in alle Bereiche des Alltags hinein wirksam ist – spielt im Leben von Menschen mit Behinderungen eine besonders wichtige Rolle. Sophie Rendl schreibt in ihrem Fachbeitrag zum Thema „Der Zusammenhang zwischen struktureller und direkter Gewalt“: „Strukturelle Gewalt schafft den Nährboden, auf dem direkte Gewalt häufiger auftritt und die Täter:innen von direkter Gewaltausübung schützt. […] So fördert strukturelle Gewalt das Entstehen und die Wiederholung direkter Gewaltakte, weil sie ein Umfeld schafft, in dem Machtmissbrauch und Ungleichbehandlung alltäglich sind und nicht hinterfragt werden.“ (siehe: https://www.forum-media.at/gewaltschutz/#1994842). Es wird deutlich, dass Menschen mit Behinderungen hier besonders betroffen sind, da sie aufgrund der Notwendigkeit von Unterstützung im Alltag oft in Situationen leben, die von vornherein von einem Macht-Ungleichgewicht geprägt sind. In vielen Zusammenhängen, in denen Menschen mit Behinderungen im Alltag unterstützt und begleitet werden, gibt es durchaus den Willen sowie konkrete Bemühungen, strukturelle Ungleichheiten nicht als Gewalt wirksam werden zu lassen. Ziel ist, im Alltag möglichst weitgehend Selbstbestimmung und Empowerment zu unterstützen; in der Realität stehen diesen Bemühungen aber allzu oft knappe Ressourcen und/oder Personalmangel entgegen. Sowohl in betreuenden Institutionen als auch im Alltag außerhalb dieser Einrichtungen ist das Leben von Menschen mit Behinderungen von vielfältigen Abhängigkeiten geprägt, deren gemeinsame Ursache in den zugrundeliegenden ableistischen Gewaltstrukturen liegt.