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Andrea Kolmitzer | Praxiswissen | Fachbeitrag

4.2.1 Erkenntnisse aus der Trauerforschung

Meistens befinden sich Kundinnen und Kunden noch in einem Gefühlsschock, wenn sie den Bestatter aufsuchen. In dieser Phase, die nach dem Psychoanalytiker John Bowlby • [Fußnote: Bowlby 1980, zit nach Kast: 2015, S 70. einige Stunden bis zu einer Woche dauern kann, sind Hinterbliebene ein Stück weit empfindungslos, weil sie ihren Verlust einerseits nicht wahrhaben wollen und andererseits schlicht überwältigt wären, wenn sie dem plötzlichen Gefühl der Trauer vollkommen nachgeben würden. • [Fußnote: Vgl Kast 2015, S 70. Unser Gehirn lässt also nicht zu, dass wir vom gesamten Leid auf einmal überschwemmt werden – da hat uns Mutter Natur zum Glück sehr gut programmiert. Im Gefühlsschock tendieren Menschen zu Unkonzentriertheit und vergessen Dinge oder Inhalte. Oft sagen sie: „Was ist bloß los mit mir? Wo bin ich mit meinen Gedanken? Normalerweise passiert mir das nicht.“ Hier ist es wichtig, dass wir als Beraterinnen normalisieren: Wir informieren, dass es in der Situation ganz normal ist, Dinge zu vergessen und bieten gleichzeitig eine Alternative oder einen neuen Termin an, an dem Kleidung, Urkunden oder Sargbeigaben nachgebracht werden können. Nicht selten vergessen Kunden wichtige Inhalte des Aufnahmegesprächs oder sind einfach nicht fokussiert genug, um sich alles merken zu können. Es kann durchaus passieren, dass sich Hinterbliebene im Nachhinein beschweren, dass auf einen bestimmten Punkt nicht eingegangen wurde. Wir wissen es besser. Dennoch ist es wichtig, Geduld zu haben; freundlich zu betonen, dass es sehr wohl besprochen worden ist, es uns aber nichts ausmacht, es noch einmal zu erklären. Wichtige Inhalte sollten bereits im Aufnahmegespräch mehrmals wiederholt werden. An Abgabetermine, zB der Musik oder von Fotos, müssen wir jedenfalls auch telefonisch oder per E-Mail erinnern.

Praxistipp:

Legen Sie einen Schreibblock und Kugelschreiber mit Ihrem Firmenlogo auf den Tisch, damit sich die Kundinnen und Kunden Dinge notieren können, die sie noch zu erledigen haben. Sie dürfen die Hinterbliebenen ruhig auffordern, Notizen zu machen. Sie ersparen sich selbst wertvolle Zeit, die sie ansonsten später bei telefonischen Nachfragen benötigen würden.

Schock und Verdrängung sind nicht die einzigen Erklärungen, warum Bestattungskunden gefasst wirken. Bei Verstorbenen, die einen langen Leidensweg hinter sich haben oder besonders alt sind, kann sich zur Trauer auch ein Gefühl der Erleichterung mischen. Diese Hinterbliebenen wirken dann nicht nur sehr gefasst, sondern sind es tatsächlich. Sie haben sich häufig schon intensiv mit dem bevorstehenden Tod ihrer Mutter, ihres Vaters oder Großelternteils auseinandergesetzt und sich emotional und mental darauf vorbereitet. Das bedeutet keineswegs, dass diese Menschen nicht traurig über den Verlust sind. Sie können nur einfach gut mit ihren Trauergefühlen umgehen. Generell gilt bei Trauer: Es gibt kein richtiges oder falsches, zu langes oder zu kurzes, zu intensives oder zu leichtes Trauern. Trauer ist abhängig von vielen Faktoren, die bestimmen, ob es zu einem leichten, einem mittelmäßigen oder schweren Verlauf kommt. Sollten wir als Bestattungsberaterinnen den Eindruck haben, dass eine Kundin oder ein Kunde unter starken Trauersymptomen leidet und wenig Unterstützung hat, schadet es sicher nicht, die Visitenkarte einer psychosozialen Betreuungseinrichtung oder einer Trauerbegleiterin parat zu haben.